Friedhofsgeschichte

Seit über 230 Jahren werden am Kahlenberger Friedhof wichtige Persönlichkeiten beigesetzt. Trotz aller geschichtlichen Umstände und Widrigkeiten dient dieser Friedhof kontinuierlich als letzte Ruhestätte und Erinnerungsort.

Alles fing an mit der Ansiedelung des Kamaldulenserordens im Jahr 1627. Deren Kloster wurde jedoch 1781 aufgehoben. Hofrat Leopold Kriegl erwarb danach das Gelände auf dem Kahlenberg, ließ die um 1734 wieder errichtete Kirche neu weihen und ein kleines Gasthaus erbauen. Die übrigen Gebäude verkaufte er an Adlige und taufte die neu entstandene Siedlung "Josefsdorf". Zur selben Zeit entstand der Waldfriedhof. Seine Weihung erfolgte am 21. Dezember 1783. Im Laufe der Zeit wurden hier neben Katholiken auch Protestanten und griechisch-katholische Christen beigesetzt. Nach der Inbetriebnahme des Zentralfriedhofes wurden die Beisetzungen am Kahlenberg weniger, seine Funktion wurde jedoch erhalten. Ab 1906 waren die Resurrektionisten Besitzer der Kahlenberger Kirche und des Friedhofs. Seit diesem Zeitpunkt fanden nur noch Ordensangehörige hier ihre letzte Ruhe. Prälat Joseph Ungar, Präsident der österreichischen Caritas, wurde hier 1992 bestattet. Die jüngste Beisetzung erfolgte 2003. Pater Piotr Kaglik wurde zu Grabe getragen. Seit 2019 erhält der Kahlenberger Friedhof neues Leben in Form von Naturbestattungen.

Da die neuen Eigentümer jedoch nachlässig mit der Erhaltung des kleinen Gottesackers waren, nahm sich Hans Danzmayr, früherer Kustos des Kahlenbergvereins, der Pflege des Friedhofs an. Es wurde ein neuer Zaun errichtet. Seit 1966 ist der Waldfriedhof für die Öffentlichkeit zur Besichtigung freigegeben, von den ursprünglichen Grabstellen mit insgesamt knapp 150 Bestatteten sind jedoch nur noch ein paar wenige vorhanden. Zu erwähnen ist das Mausoleum der Schlosserfamilie Johann Finsterle. Es ist in der so genannten "Nordbahngotik" gestaltet.

Prominenz ist im Ligne-Grab vertreten. Charles Joseph Fürst de Ligne - verstorben 1814 - stammte aus belgischem Adel, war angesehener Offizier, Diplomat in österreichischen Diensten sowie Schriftsteller. Seine Ehefrau Franziska Maria Xaveria von Liechtenstein und Enkelin Sidonie Potocka liegen neben ihm begraben. Von de Ligne soll die bekannte Wendung "Der Kongress tanzt, aber er geht nicht weiter" stammen.

Und die Zieglers, Gründerfamilie der Schottenfelder Samt- und Seidenindustrie, sind hier in zwei Grablegen bestattet, insgesamt sechs Familienmitglieder. Auf einem weiteren Grabstein ist der Name der Anna Bruckmüller zu lesen. Angeblich war sie eine Nichte des Fabrikanten Ziegler und mit einem Neffen Lignes verlobt. Nach seinem Ableben soll sie in einer bitterkalten Dezembernacht 1812 am Kahlenberg jämmerlich erfroren sein.

Das interessanteste Grab jedoch ist dasjenige der im Jahre 1815 verstorbenen Karoline Traunwieser, das "schönste Mädchen zur Zeit des Wiener Kongresses". Die Legende um diese junge Frau macht die Grabstätte zu einem echten Wiener Kuriosum. Sie war die Tochter der Kahlenberg-Besitzerin. Die Hintergründe um die schöne Karoline sind am Grabstein auf einer alten Schrift zu lesen. Diese lautet wörtlich:

 

"Auf einem Balle (am 18.2.1811) bemerkte ich in einem Teile des Tanzsaales (im "Römischen Kaiser" in der Kärntnerstrasse) ein besonderes Gedränge. Ich drängte mich ebenfalls hin und war das erste und einzige Mal in meinem Leben von einer wirklich himmlischen Schönheit ergriffen, wie nie vorher und seitdem. Es war Fräulein Traunwieser, die schönere Tochter der Besitzerin des Kahlenberges (Josefsdorfes), einer in ihrer Jugend auch sehr schönen Frau (Anspielung auf das Horazwort: O Tochter, die du noch schöner bist als deine schöne Mutter. Oden I 16). Lottchen war unstreitig die grösste Schönheit Wiens. Eine Peri (wunderschöne persische Fee), wie ich sie nur geträumt, nie gesehen hatte. Ich kann die Empfindung des reinsten ästhetischen Gefühles, womit mich ihre Schönheit an den Boden festzauberte, nur mit der vergleichen, womit ich zu Paris vor dem Apollon vom Belvedere festgewurzelt stand. Mir ward, als strömte sie magnetisches Licht aus, dessen Fluten über meinem Haupte zusammenschlugen. Ich fand damals keine Worte, meine Empfindung auszudrücken und finde sie auch heute nicht. Ich war im eigentlichen Sinne smitten with love (ausser mir vor Liebe). Lotte war auch eine vortreffliche Sängerin."

 

So schildert der große österreichische Orientalist Josef Frh. v. Hammer-Purgstall (1774 - 1856), der Gründer der Akademie der Wissenschaften (1847), sein erstes Zusammentreffen als 37jähriger mit der 17jährigen Karoline (Lottchen) in seinen ungedruckten "Erinnerungen" (im Besitze der Akademie der Wissenschaften). Karoline begegnete dem Gelehrten freundlich; aber - nicht mehr, auch dann nicht, als er ihr die Übersetzung der Sonette Spencers widmete (Privatdruck von 100 Stück, Wien 1814, Buchhandelsausgabe 1816). In der von Spencer besungenen Schönen, die "schöner war als die Schönsten" (fairer of the fairest) sah er Karoline vor sich.

 

Grab der Karoline Traunwieser               

Karoline schenkte ihre Liebe dem in Wien dienenden französischen Oberst Rameuf. Dieser fiel beim Rückzuge Napoleons aus Moskau im November 1812 an der Beresina. Zweieinhalb Jahre später starb Karoline an Lungenschwindsucht am 8.3.1815, drei Monate nach dem Fürsten Karl de Ligne, gleichfalls einem Verehrer ihrer Schönheit und auf dem Kahlenberge in einem Sommerhäuschen Mieter und Nachbar ihrer Mutter und deshalb ebenso wie Karoline auf dem Kahlenberge begraben. Dass Karoline in Fieberträumen ihrem vermeintlich heimkehrenden Verlobten auf dem Kahlenberge entgegengegangen und in der Winterkälte erfroren sei, ist eine Sage. Nach dem Totenbuche der Stadt Wien starb sie in der Stadtwohnung ihrer verwitweten Mutter Josefa (ihr Vater hiess Johann Michael) in der Kärntner-Strasse Nr. 5. Leider ist kein Bild Karolines erhalten.